Gemeinsame Erklärung von NV AUF geht´s und der SPD

In der Sitzung des Stadtrates am 10.10.2018 wurde der folgende Text einstimmig beschlossen:

 

Neukirchen-Vluyn, Oktober 2018

 

Erklärung zum Aus des Steinkohlebergbaus

 

Der Entschluss, die letzten Zechen Ende 2018 zu schließen, bedeutet einen historischen Einschnitt für unser Land, für unsere Region und auch für Neukirchen-Vluyn. So hat die Zeche Niederberg mit einstmals über 5.000 Arbeitsplätzen in ihrem 90-jährigen Bestehen maßgeblich die Entwicklung von Neukirchen-Vluyn geprägt und unauslöschliche Spuren hinterlassen.

Spuren in der Siedlungsentwicklung vom Einzelhof zum Dorf und dem Entstehen der Koloniesiedlungen mit ihren Selbstversorgungsgärten und Kleintierställen.

Spuren ebenso in der Lebenskultur, angelehnt an die harten Arbeits-verhältnisse ‚Unter Tage‘ mit einer unverblümten Direktheit, kurzen Kommandos, klaren An- und Aussagen in der Sprache. Untereinander im Umgang bestimmt durch Offenheit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Akzeptanz des Anderen.

 

Das galt nicht nur verbindend in den Nachbarschaften unserer Kolonien, sondern im ganzen ‚Revier‘ – egal, ob in Dortmund, Bottrop, Gelsenkirchen, Essen, Oberhausen, Duisburg, Moers, Kamp-Lintfort oder Neukirchen-Vluyn.

 

Heutige Zeugen vor Ort sind noch

der Kleingartenverein ‚Unsere Scholle‘,

der Kleintierzuchtverein,

der Kaninchenzüchterverein R23,

der Schlesierverein ‚Hochwald‘, der Knappenverein,

die Schlosserkameradschaft und bis vor kurzem in Tradition des Knappenchores der ‚Werkschor Niederberg‘.

 

Spuren aber auch in der heutigen Bevölkerungsstruktur, die durch die Migration geworbener europäischer Arbeitnehmer gestaltet und entwickelt worden ist.

Spuren vor allem im Zusammenhalt, der Solidarität an den Mahnwachen 1996/97 und einer 90 km langen Menschenkette von Neukirchen-Vluyn bis Lünen als ‚Band der Solidarität‘, gefolgt von dem 7-tägigen Märzstreik an Ruhr und Saar, wodurch ein frühes Aus des Bergbaus verhindert werden  konnte und dem Vertrauen auf die eigene Kraft zur Wahrung der Zukunftsinteressen als betroffene Bürgerinnen und Bürger neuen Halt gegeben hat.

Unersetzbar ist der Verlust der ehemals hunderten von Ausbildungsplätzen!

 

Solidarität, Zusammenhalt, Verlässlichkeit, Loyalität, Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein stehen für die Tugenden der Bergleute. Diese Werte werden bleiben. Sie sind uns hier in Neukirchen-Vluyn weiterhin Ansporn und Verpflichtung zugleich, für eine solidarische Gemeinschaft zu streiten, die niemanden ausgrenzt.

 

Die ständige Anforderung an die Kumpel und ihre Bereitschaft sofort Veränderungen und Probleme anzupacken, müssen für unsere Bürgerschaft und nicht zuletzt für deren politische Vertreter Vorbild sein. „Problem und Aufgabe erkannt, angepackt und gelöst“, so ging man im Bergbau solche Herausforderungen an.

 

Wir sind aber auch stolz auf die Leistung der Bergleute und ihrer Familien, Leistung im wirtschaftlichen, wie auch im gesellschaftlichen Zusammenleben und dem Mut für ihre berechtigten Forderungen selbstlos zu streiten. Alles, was erreicht wurde, musste erkämpft werden.

Unter Tage waren alle gleich, waren aufeinander angewiesen und zwar bedingungslos, ganz gleich, ob deutscher oder ausländischer Herkunft, ob katholisch, evangelisch, muslimisch oder nicht religiös. Der Bergbau war bedingt durch die harte Arbeit eine täglich gelebte Solidarität und Integration.

 

Wir sehen es als eine wichtige Verantwortung diese Tradition zu wahren und den nachfolgenden Generationen zu vermitteln.

 

Denn mit dem Ende des Steinkohlebergbaus geht eine ganze Zeitepoche zu Ende. Die Verpflichtung daraus für die Zukunft zu lernen, darf sich nicht nur in Erinnerungsgesprächen ehemaliger Bergleute, in den Fördertürmen und Denkmälern sowie dem Sinnbild des ‚Eisernen Bergmanns‘ im Landschaftsband manifestieren, sondern muss sich auch als würdiger Bestandteil der Stadtgeschichte in unserem Museum wiederfinden.

 

Wir sagen ‚Danke‘, ‚Glück auf‘ und Glückauf – Zukunft.